Die Kraft der Kriegsenkel – Das Buch von Ingrid Meyer-Legrand

Liebe Leserin, lieber Leser,
was haben die Genderbewegung, Ehen ohne Trauschein und Wohngemeinschaften mit dem 2. Weltkrieg zu tun? Die Generation der heute etwa 50 Jährigen ist als Kinder der Kriegskinder aufgewachsen. In Friedenszeiten und im Wohlstand groß geworden, kennen sie das Leid dieser Zeit und der Nachkriegszeit nur aus dem Geschichtsbuch, dem Fernseher oder Erzählungen von Eltern und Großeltern.  Dennoch haben die traumatischen Erlebnisse der Großeltern und Eltern Einfluss auf die Kriegsenkel. Nicht selten sind es langfristige Auswirkungen auf  das ganze familiäre System. In ihrem Buch “Die Kraft der Kriegsenkel” widmet sich Ingrid Meyer-Legrand diesen Auswirkungen und wie Kriegsenkel Kraft aus ihrer Familiengeschichte ziehen können. Besonders beeindruckend fand ich an diesem Buch, dass es dem Leser die Augen für vielfältige Zusammenhänge auf gesellschaftlicher, persönlicher und kultureller Ebene öffnet.

Ingrid Meyer-Legrand: Die Kraft der Kriegsenkel. Europa Verlag, München 2016. Hardcover, 250 Seiten, Preis: 18,99 Euro. ISBN-13: 978-3958900080

Generation Kriegsenkel

Durch die öffentliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Schrecken, rückte auch das Leid der einstigen Kriegs- und Flüchtlingskinder ins öffentliche Bewusstsein. „Lange Zeit durfte über das Leid dieser Kinder nicht gesprochen werden, denn im Land der Täter durfte es keine Opfer geben“, so Ingrid Meyer-Legrand (S. 14). Dabei war kaum eine Familie vor Flucht und Vertreibung oder anderen Schrecken des Krieges verschont geblieben. Lange konnten sich die Jahrgänge der 1950er bis 1980er Jahre viele Phänomene ihres Lebens nicht erklären. So zum Beispiel die “kalte Mutter”, den “cholerischen Vater”,  mangelnde Lebensfreude oder das Gefühl, nicht im eigenen Leben ankommen zu können. Erst mit dem Kriegsenkelkongress Mitte der 2000er Jahre und den ersten Debatten und Büchern zum Thema, wurde auch in der Öffentlichkeit deutlich, dass die Geschichte der Kriegsenkel eng verwoben mit der Geschichte der Kriegs- und Flüchtlingskinder des 2. Weltkrieges ist und dass bestimmte familiäre und gesellschaftliche Veränderungen auch auf die Auswirkungen des Krieges auf die folgenden Generationen zurückzuführen sind.

Die Kraft der Kriegsenkel

Kriegsenkel sind häufig von den Themen ihrer Eltern besetzt, insbesondere vom Leid, das ihnen widerfahren ist. Häufig hat schon früh eine Rollenumkehr stattgefunden, bei die Kinder die Rolle der Eltern übernehmen mussten. Anhand vieler Fallbeispiele, Interviewausschnitte und Sitzungsprotokolle werden typische Probleme der Kriegsenkel vorgestellt. Dazu bietet Ingrid Meyer-Legrand immer wieder auch Erklärungen an, wie bestimmte zeitliche Phänomene mit der Kriegsenkelthematik zusammenhängen. Dazu gehört die hohe Trennungsrate bei Paaren, die zeitweilig hohe Rate an Kinderlosen oder das Langzeitstudium bestimmter Jahrgänge, ebenso das Genderdenken oder auch das Mitgefühl für die derzeitigen Flüchtlinge. Die Autorin zeigt in vielen Beispielen auch, wie die Kriegsenkel durch die Reflexion ihrer Familiengeschichte bestimmte Erlebnisse aus Kindheit und Jugend anders einordnen und Kraft für ihr Leben schöpfen können. Auch ihre eigene Familiengeschichte erzählt sie in diesem Buch.

Über die Autorin

Ingrid Meyer-Legrand ist Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin und Heilpraktikerin (Psychotherapie) mit einer Praxis in Berlin und Brüssel. In den letzten Jahren hat sie bereits vielerlei Artikel  und Interviews zum Thema Kriegsenkel in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht. “Die Kraft der Kriegsenkel” ist ihr erstes Buch.
Seit vielen Jahren unterstützt Ingrid Meyer-Legrand ihre Klienten dabei herauszufinden, welche Rolle ihre Herkunftsfamilie spielt und wie das Potential der Familiengeschichte  zur Verwirklichung persönlicher Wünsche eingesetzt werden kann. Dazu bedient sie sich unter anderem der Methode des My Life Storyboard, die auch im Buch ausführlich und gut nachvollziehbar vorgestellt wird.

Fazit zum Buch “Die Kraft der Kriegsenkel”

Ganz besonders empfehlenswert finde das Buch “Die Kraft der Kriegsenkel” deshalb, weil es auf vielfältigen Ebenen gesellschaftsrelevante Bezüge und Verknüpfungen herstellt. Dazu versteht es Ingrid Meyer-Legrand gekonnt, Einzelschicksale in den großen Kontext der Kriegsenkel einzugliedern und dem Leser damit aus vielen kleinen Mosaiksteinchen ein umfassendes Bild der Kriegsenkel zusammenzufassen, ihrer Schwierigkeiten ebenso wie ihrer Kraft. Obwohl ich mich als Kriegsenkelin seit vielen Jahren mit diesem Thema beschäftige, habe ich in diesem Buch auch für mich persönlich einige neue Entdeckungen machen können und werde es sicherlich immer mal wieder zur Hand nehmen.

Ihre Dörthe Huth

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