Im Interview über Hochsensibilität mit Michael Jack, dem Vorsitzenden des IFHS

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

viele Menschen wissen nicht, dass sie eine sogenannte Highly Sensitive Person (HSP) sind. Immer wieder treffe ich auf erstaunte Gesichter, wenn die Hochsensibilität im Coaching oder der Supervision  zum Thema wird und sich für den Klienten daraus ganz neue Erkenntnisse ergeben. Informationen und tiefere Einblicke über Hochsensibilität bietet auch der Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V. (IFHS): www.hochsensibel.org.

Der IFHS entstand, nachdem der Jura-Student Michael Jack im Internet nach seinen persönlichen Besonderheiten suchte. Er fand eine Webseite, die das Thema Hochsensibilität vorstellte und empfand eine grundlegende Erleichterung, dass es noch andere Menschen mit ähnlichem Erleben gab. Für ihn ergab sich daraus automatisch die Aufgabe, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Aus einem anfangs informellen Rahmen entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Vereinsform und im April 2007 war der IFHS geboren. Auf dessen Homepage heißt es in der Blitzinfo: „Aufgrund besonderer Eigenschaften ihres Nervensystems nehmen Hochsensible mehr und intensiver wahr als andere Menschen. Dies hat manche Vorteile, führt allerdings auch zu früherer Erschöpfung und scheinbar geringerer Belastbarkeit”.

Mein Interviewpartner ist der Vereinsvorsitzende des IFHS,

Dr. iur. Michael Jack: www.michael-jack.de

Was verbindet Sie persönlich mit dem Thema Hochsensibilität, Herr Jack?

Michael Jack: Ich habe schon immer diffus gefühlt, dass ich anders bin als insbesondere Altersgenossen. Besonders plastisch merkte ich das in der Disco: Ich konnte es dort mit Ohrstöpseln 30 Minuten, ohne Ohrstöpsel fünf Minuten aushalten, bevor es unangenehm wurde. Andere feierten Nächte durch. Aber man möchte als junger Mensch ‘normal’ sein, so wie alle anderen. Da das nicht so recht klappte, baute sich im Laufe der Zeit ein Anpassungsdruck auf. Parallel dazu kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, dass meine anscheinende Besonderheit wohl mit meinen Nerven zu tun hätte, mit der Reizverarbeitung.
Durch eine Internetrecherche im Jahr 2003 Ich fand eine Website, die das Thema vorstellte, und erlebte eine grundlegende Erleichterung, die ich heute als “Gebirgsketteneffekt” bezeichne: Nicht nur ein Stein, sondern ganze Gebirgsketten fielen metaphorisch vom Herzen, weil der diffuse Anpassungsdruck mit einem Mal weggeblasen war. Etwa zwei Monate war ich geradezu euphorisch, bis mich der Alltag mit den üblichen Belastungen wieder einholte. Seit jener Zeit allerdings lerne ich sukzessive, mit meiner besonderen nervlichen Konstitution umzugehen.

Wozu wurde der Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V. gegründet und welche Ziele verfolgt der Verein?

Michael Jack: Der Verein dient in erster Linie der Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Hochsensibilität. In diesem Rahmen betrachten wir uns als erster Ansprech- und Gesprächspartner in Deutschland für die Presse und die allgemeine Öffentlichkeit. Daneben leisten wir Wissenschaftlern erste Unterstützung und bieten Vernetzungsangebote. Wir sammeln Informationen zum Thema und sind selbst ein bisschen publizistisch unterwegs. Schließlich bauen wir eine Liste mit professionellen und ehrenamtlichen Kontakten in Deutschland auf und unterstützen die Gründung von Gesprächskreisen vor Ort. Zudem gibt der Verein das Mitgliedermagazin “Intensity” heraus und stellt auf der Homepage eine Informationsbroschüre zum Download bereit.

Wie sieht der Verein das Phänomen Hochsensibilität und wie stellt sich die Forschungslandschaft in Deutschland dar?

Michael Jack: In Deutschland befassen sich vereinzelt Absolventen und Doktoranden mit dem Thema Hochsensibilität. Wir betrachten Hochsensibilität als eine Persönlichkeitseigenschaft, deren Grundlage die neuronale Verarbeitung eines Menschen bildet und genetisch bedingt ist.
Vermutlich wird es ein oder Generationen brauchen, bis es forschende Spezialisten zu diesem Thema gibt. Was ich persönlich mir wünschen würde wäre Literatur, die in stärkerem Maße wissenschaftlichen Charakter hat, also Erkenntnisse der Hochsensibilitätsforschung in bestehende Lehrgebäude der akademischen Psychologie einbettet. Dafür sind aber vermutlich noch zu wenig spezifische Forschungsergebnisse vorhanden.

Inwiefern kann Hochsensibilität eine Gabe sein und worunter leiden Hochsensible Ihrer Erfahrung nach?

Michel Jack: Hochsensible berichten allgemein von einer höheren Intensität des Erlebens, die natürlich ‘schöne’ Erlebnisse auch intensiver erfahren lässt. Daneben wird von höherer Empathie, höherer Reflexionsfähigkeit und namentlich künstlerischer Begabung berichtet. Hochsensibilität verursacht auch nicht unbedingt Probleme. Allerdings birgt eine Lebensweise, die nicht auf die Hochsensibilität angepasst ist, durchaus ein Krankheitsrisiko. Insbesondere ein ungünstiges Umfeld in der Kindheit kann bei Hochsensiblen wesentlich mehr Schaden anrichten als bei anderen Menschen.
Häufig tauchen Probleme auf, die mit dem Erwerbsleben zu tun haben. Jahre und Jahrzehnte ‘beißt’ man sich durch ein ungünstiges berufliches Umfeld durch, bis irgendwann – in der Regel Anfang 40 – die Kräfte nicht mehr ausreichen und sich beispielsweise eine psychosomatische Symptomatik einstellt, die die konventionelle Schulmedizin nicht so recht in den Griff kriegt. Daneben gibt es Beispiele von Erwerbsbiografien, die von Anfang an durch Unstetigkeit geprägt sind – mehrfach abgebrochene Ausbildungen, lange Arbeitslosigkeit etc.

Was können Hochsensible aus Ihrer Sicht für sich tun, damit es ihnen gut geht?

Michael Jack: Übliche Verfahren sind Ruhepausen, Spaziergänge in der Natur, Meditation und Entspannungsübungen. Als wichtig würde ich einen bewussten Umgang mit ‘seinen Nerven’ ansehen: Mit Kräften haushalten, sich bewusst überlegen, ob man sich diesen oder jenen Reiz ‘antut’. Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, durch Reflexion zu verhindern, dass ein irritierender Reiz eine Feedback-Schleife von sich hochschaukelnder Erregung und Nervosität initiiert, die sehr viel Kraft kostet. Damit das funktioniert braucht es allerdings jahrelange Erfahrung.

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Herr Dr. Jack!

Ihnen liebe Leserinnen und liebe Leser wünsche ich noch eine wunderschöne Sommerwoche voller Anregungen und Inspiration.

Hier auf diesem Blog finden Sie in den nächsten Tagen noch einige wichtige Buchvorstellungen, die sich mit der Hochsensibilität beschäftigen. Gern können Sie mir auch über das Formular unten einen Komentar zum Artikel hinterlassen, einen Wunsch für einen weiteren Artikel oder einen anderen Hinweis.

Ihre Dörthe Huth

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4 Gedanken zu „Im Interview über Hochsensibilität mit Michael Jack, dem Vorsitzenden des IFHS“

  1. Liebe Dörthe,
    in dem Interview fand ich mich voll und ganz wieder. Es ist nicht einfach damit zu leben, vor allem wenn man von unsensiblen Menschen nicht ernst genommen wird.
    Ich hätte gern eine Art Handbuch, wie ich mit meiner Hochsensibilität umgehen soll. Oft habe ich sogar schon überlegt, diesen Zweig der Psychologie zu studieren und selbst wissenschaftlich fundierte Bücher darüber zu verfassen und natürlich detailliert unter die Lupe zu nehmen.
    Sehr spannendes Thema, das unbedingt mehr Publikation benötigt.
    Sonnige Grüße
    Sandra

    1. Liebe Sandra,
      du beschäftigst dich sehr intensiv mit den Themen rund um die Persönlichkeitsentwicklung und deine Beiträge zeugen von ganz viel Tiefgang. Auch ich hätte gern mehr Wissenschaftliches zum Thema, da müssen wir uns wohl noch etwas gedulden, momentan stagniert die Entwicklung. Dennoch ist eines für mich klar, wir sollten nicht nur auf die Stellen schauen, die uns Schwierigkeiten machen sondern besonders auf die Stellen, an denen wir von unseren Persönlichkeitseigenschaften profitieren. Bei dir zum Beispiel die feinfühlige Wahrnehmung und Motivation deiner Teilnehmer im Schreibcoaching oder dein Sinn für eine interessante Themenwahl bei der Veröffentlichung von Artikeln – und da gibt es sicherlich noch jede Menge mehr an Begabungen! So bekommst du über die Zeit das beste Handbuch, das du dir wünschen kannst, dein eigenes 😉
      Dir einen herzlichen Gruß,
      Dörthe

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