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Der Hospizdienst Horizont begleitet Sterbende zu Hause in Berlin

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Krankheit, Leiden, Sterben und Tod sind Themenbereiche, mit denen sich die meisten von uns nicht so gerne beschäftigen. Da wir aber alle irgendwann in die Situation kommen, dass ein nahestehender Mensch stirbt oder wir uns selbst auf den eigenen Tod vorbereiten müssen, möchte ich Ihnen heute ein Projekt vorstellen, das im Fall der Fälle Sterbenden und ihren Angehörigen zur Seite steht: der Hospizdienst Horizont in Berlin.
Hospizarbeit ist die Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen, insbesondere durch geeignete Pflege, kompetente Schmerztherapie und menschliche Zuwendung. Der Berliner „Hospizdienst Horizont“ unterstützt Sterbende und ihre Angehörigen in ihrem häuslichen Umfeld. Er gehört zum buddhistischen Zentrum „Bodhicharya Deutschland e.V.“, das sich auf einem denkmalgeschützten Gelände in Berlin-Friedrichshain befindet. Es ist eine Begegnungsstätte für Jung und Alt und bietet einen geschützten Raum für Schulungen, kulturellen Austausch und interreligiöse Dialoge. Geleitet wird das Projekt “Hospizdienst Horizont” von Miriam Pokora und Michaela Dräger. Wie Sterbende und ihre Angehörigen in ihrem häuslichen Umfeld bis zuletzt unterstützt werden können, erklärt Michaela Dräger im Interview.

 

Hospizdienst Horizont – Miriam Pokora und Michaela Dräger

Was ist ein Hospizdienst und gibt es einen Unterschied zum Hospiz?

Hospizdienst Horizont: Es gibt in Berlin 11 stationäre Hospize und 20 Hospizdienste. In einem stationären Hospiz können Menschen mit schwerer Krankheit wohnen und ihre letzte Lebenszeit verbringen. Es gibt dort in der Regel Einzelzimmer. Die Menschen bestimmen ihren Tagesablauf selbst, können sich mit Freunden und Angehörigen umgeben und sind dennoch gut  versorgt. Ein Hospizdienst wie wir es sind, arbeitet ambulant, das heißt die Klienten werden bei sich zu Hause betreut. Sehr oft besteht der Wunsch, in der vertrauten Umgebung bleiben und auch hier sterben zu können. Betroffene und Angehörige stellt das aber vor große Herausforderungen. „Was wird jetzt geschehen?“, fragen sie sich und „Können wir es überhaupt zu Hause schaffen?“. Hier sind Hospizdienste gefragt, die durch ausgebildete Helfer ehrenamtliche Unterstützung und Begleitung leisten. Fast immer ist die Situation schwierig und nicht jeder Betroffene hat die Kraft, sich wirklich mit seinem baldigen Sterben auseinandersetzen. Auch die Angehörigen erleben eine schwierige Zeit, die sie oft an ihre Grenzen bringt. Die Begleitung ist für die Betroffenen und Familien kostenlos. Dies ist wichtig und soll auch so bleiben.

Wie ist der Hospizdienst Horizont organisiert und welche konkrete Unterstützung bietet er für Betroffene?

Hospizdienst Horizont: Ein Hospizdienst besteht aus ein oder mehreren hauptamtlich angestellten Koordinatoren und geschulten ehrenamtlichen Helfern. Die Koordinatorin hat in erster Linie die Aufgabe, die Einrichtung zu leiten, für die Schulung der Ehrenamtlichen zu sorgen, Supervision für diese bereitzustellen und die Erstbesuche bei den Klienten durchzuführen. Dabei geht es darum, welche Unterstützung die Betroffenen sich wünschen und was sie brauchen. Manchmal werden Menschen völlig unversorgt aus dem Krankenhaus entlassen, dann muss erst einmal alles Notwendige organisiert werden. Von der Pflegestufe bis hin zum Pflegebett und sonstigen Hilfsmitteln. Es sind aber auch ganz persönliche Fragen, Probleme und Nöte, welche die Menschen beschäftigen, auch finanzielle Sorgen. Wir sehen uns als eine Art „All-Round-Dienstleister“ und versuchen wirklich jedem Problem Abhilfe zu verschaffen.

Wie unterstützen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer konkret?

Hospizdienst Horizont: Ist die Grundsituation geklärt, kommen die Ehrenamtlichen dazu. Wir überlegen dabei immer sehr genau, wer in welche Familie oder zu welcher Person passen könnte, so dass beide Seiten sich wohlfühlen und sich eine wertvolle Beziehung entwickeln kann. Unsere ehrenamtlichen Helfer unterstützen durch einfaches „Dasein“, Gespräche, Spaziergänge, Karten spielen, kleine Erledigungen oder bei der Organisation der „letzten Dinge“. In der Regel bleibt diese Beziehung bestehen bis die Person verstirbt. Dies ist eine Sicherheit, die schwerkranke Menschen oft nicht haben: dass da jemand ist, der wirklich bis zum Ende bleibt und auf den sie sich verlassen können. Jemand, der keine Berührungsängste hat und der dem Thema nicht ausweicht mit dem oft so gut gemeinten Satz: „Das wird schon wieder“. Jemand, der eine schwierige Situation aushalten kann, ohne gleich in Aktionismus zu verfallen. Jemand, der seine Hand reicht und mich nicht mehr los lässt, wenn ich gehalten werden will und jemand der mich Dinge selbst machen lässt, wenn ich mir allein noch helfen kann und möchte. Wir sagen immer die Ehrenamtlichen sind das „Herzstück“ unserer Arbeit.

Wer sind die Menschen, die sich an den Hospizdienst Horizont wenden?

Hospizdienst Horizont: Meist legen Krankenhäuser und Ärzte ihren Patienten nahe, sich an uns zu wenden. Ich bin immer wieder beeindruckt wie Menschen, mit solch harten Schicksalsschlägen und so viel Trauer und Schmerz umzugehen lernen und die Situationen bewältigen – bewältigen müssen. Jeder Klient ist auch jemand, von dem wir lernen können. Einige Situationen treffen uns ganz besonders. Da war zum Beispiel ein Vater, der eine junge Mutter mit einem behinderten Kind alleine lassen musste, ein Mann, der durch seine Krankheit nach und nach vollkommen eingeschränkt wurde und dem nichts mehr blieb als sein Augenzwinkern oder eine ältere Dame, die so gerne sterben wollte und sich jeden Tag fragte, warum sie nicht sterben konnte. Jede Begleitung ist unterschiedlich und dauert so lange, wie sie dauern muss. Manchmal werden wir zu Sitzwachen ins Pflegeheim gerufen und es sind nur noch Stunden, bis der Tod des Klienten eintritt;  manchmal sind es Wochen, Monate, die wir den Weg gemeinsam mit den Menschen gingen, in selteneren Fällen auch Jahre.

Wie wirkt der buddhistische Ansatz in der täglichen Hospizarbeit?

Hospizdienst Horizont: Die buddhistische Philosophie ist ein wichtiges „Werkzeug“ für die Arbeit im Hospizdienst. Unsere Begleiter und Begleiterinnen erlernen in der Schulung die Grundlagen der buddhistischen Geisteshaltung. Eine Haltung, die getragen ist von Mitgefühl und Anteilnahme sowie Toleranz und Wertschätzung für alle Lebewesen. Sie erlernen Meditationstechniken, die für die Betroffenen bei Bedarf hilfreich sein können. Die buddhistische Philosophie erklärt, wie wir uns, beziehungsweise den Zustand unseres Geistes verändern und entwickeln können. Dabei gehen wir davon aus, dass der Tod ein Übergang ist und das „reine Bewusstsein“, ein sehr subtiler Teil des Geistes, ewig fort besteht. Dies ist aber nicht „mein“ Geist oder „mein Ich“, welches weiter existiert. Im Gegenteil, man übt  sich darin, sich von all diesen Vorstellungen eines „Mein“ und „Mir“ zu lösen, um einen Zustand des „Frei-Seins“ zu erreichen, der auch zum Zeitpunkt des Sterben- Müssens sehr hilfreich ist. Dieser Zustand erlaubt es dem Betroffenen, friedvoll gehen zu können – was wir uns alle wünschen.

Vielen Dank für das Interview, liebe Frau Dräger.

Die Website vom Hospizdienst Horizont ist hier zu finden: hospiz-horizont.de

Was bewegt Sie zu diesem Thema? Wie gehen Sie mit dem Thema Tod und Sterben um? Sie sind herzlich eingeladen, einen Kommentar mit Ihren Gedanken zu hinterlassen, Hinweise und Tipps zu ergänzen, damit auch andere Leserinnen und Leser davon profitieren.

Wenn Sie Kraft und Energie für eine schwere Zeit benötigen und einen persönlichen Coaching-Termin mit mir in Dorsten vereinbaren möchten, freue ich mich auch Ihren Anruf unter 02362/7877990 oder per eMail über das Kontaktformular.

Ihre Dörthe Huth

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